"Sänger des Jahres"

Der Bariton | Christian Gerharer


Herr Gerhaher, in Ihrem Buch „Halb Worte sinds...“ bezeichnen Sie sich als „Schumannianer“.  Was macht Ihre enge Bindung an Robert Schumann aus?


Für mich ist Schumann die Verkörperung der Künstler-Persönlichkeit schlechthin. Es gibt hier natürlich einige naheliegende Indizien, wie beispielsweise seine lyrische Dramaturgie – so würde ich die Konzeption vokaler Kammermusik unter der Voraussetzung zu realisierender Bedeutungssuche nennen. Aber insgesamt ist diese Wertung Schumanns natürlich ein auf einem Gefühl beruhendes subjektives Urteil, welchem ich aber nun immerhin schon sehr lange, ohne dass ich mich zum Daran-Festhalten zwingen müsste, treu sein kann.

 

Charakteristisch für die 1840 einsetzende geradezu stürmische Schaffensperiode, die auch sein „Liederjahr“ genannt wird, war die Methode Robert Schumanns, einzelne Lieder zu Zyklen und Liederkreisen zusammenzufassen. Im besagten „Liederjahr“ entstanden so bedeutende wie etwa die „Dichterliebe“ op. 48 oder die „Myrten“ op.25, sein Brautgeschenk an Clara  Schumann.  Gibt es einzelne Lieder darin, die Ihnen besonders nahe gehen?


Es gibt tatsächlich einige mir besonders nahe und wichtige Lieder, so zum Beispiel das erste Lied des Eichendorff-Liederkreises In der Fremde, oder das dreizehnte Lied aus Schumanns Hochzeitsgeschenk an seine Frau Clara (der Zyklus Myrthen), nämlich Aus den hebräischen Gesängen, ein Lied auf eine etwas gefühlige Übersetzung (macht nichts) eines Gedichtes von Byron, oder das dritte Lied aus dem Opus 83 Der Einsiedler. Ich würde fast sagen, in diesen drei Liedern allein ist mir schon die ganze Begeisterung für Schumann in Kürze erfahr- und vermittelbar. Aber natürlich geht das für einen Schumannianer wie mich nicht wirklich – alle seine Lieder sind mir Meisterwerke, vor allem auch wegen ihrer Einbindung in eigentlich stets zyklisch gedachte Opera, sie erfahren dadurch immer eine besondere, über die Wirkung und Aura des einzelnen Liedes hinausgehende Bedeutung.

 

„Myrthen“ ist bereits das zweite Album der Gesamtaufnahme aller Lieder Robert Schumanns, dem wie Sie sagten „wahrscheinlich wichtigsten Projekt“  in Ihrem Leben". Sie haben dieses Projekt auch konzipiert. Welches sind Ihre Kriterien für die Anordnung des so umfangreichen wie vielgestaltigen Liedschaffens Robert Schumanns?  Welches werden die nächsten Veröffentlichungen  sein?


Eigentlich würde ich eher sagen, dass das nun unsere vierte Schumann-CD ist – und die vorhergehenden werden in die Gesamtveröffentlichung mit eingehen, auch wenn wir manches wie bspw. die Dichterliebe und die Wilhelm-Meister-Gesänge noch einmal neu aufgenommen haben. Die Kriterien unserer Aufnahme und Anordnung der sämtlichen Lieder Robert Schumanns sind die Integrität der als Opera veröffentlichten Zyklen, das heißt die jeweilige Gesamtaufnahme unter den Gesichtspunkten der Besetzung mit nur einer Stimme, also einer Sängerin bzw. einem Sänger (abgesehen von den wenigen Opera, die für die Besetzung mit mehreren Stimmen konzipiert sind) sowie die Wahrung der Vollständigkeit des jeweils aufzunehmenden Opus. Diese beiden Kriterien unterschieden unsere geplante Gesamtaufnahme von den beiden vorhandenen durch Dietrich Fischer-Dieskau (aus vielen Zyklen teilweise nur ausgewählte Lieder) und Graham Johnson (Besetzung der meisten Zyklen mit unterschiedlichen Sängern) konzipierten und realisierten Einspielungen.
Außerdem hoffe ich, dass wir eine möglichst chronologische Anordnung der einzelnen Opera in einer Gesamt-Box realisieren werden können, auch um die Entwicklung von Schumanns vokaler Kammermusik vom aplomb-artig einsetzenden ersten Lieder-Jahr 1840 mit fast 140 Meisterwerken über die Zwischenjahre hin zum zweiten Liederjahr 1850 aufzeigen zu können, um also die Entwicklung Schumanns einer anderen, noch raffinierteren musikalischen Deklamation erfahrbar machen zu können.


 
Herr Gerhaher, Sie erhalten in diesem Jahr den „Opus Klassik 2019“ als  „Sänger des Jahres“  und den britischen "Gramophone award“.
 Was bedeuten Ihnen solche Preise?


Preise sind für mich in erster Linie eine Art Anerkennung, die Gerold Hubers und mein Fortkommen sichern, weil sie die Attraktivität unserer Arbeit betreffen. Insofern sind sie uns wichtig. Für die Befriedigung von Eitelkeit halte ich sie weniger geeignet, denn auch ein Preis kann einem nicht glaubwürdig beweisen, dass man etwas gut macht. Außerdem sind Preise mindestens so vergänglich wie das eigene Tun.