Eine schöne Form des Nachholunterrichts

Zum Jahresende veröffentlicht BR Klassik gleich eine ganze Box mit Hörbiografien großer Komponisten wie Händel, Mozart, Händel, Beethoven, Mendelssohn, Schumann, Verdi, Tschaikowski oder Mahler aus der Feder von Jörg Handstein. Bei allen Produktionen übernahm der Schauspieler Udo Wachtveitl die Rolle des Sprechers. Gerade erst erschien die Hörbiographie „Die Liebe liebt das Wandern“ über Franz Schubert - ein willkommener Anlass für ein Gespräch mit dem Schauspieler und Sprecher Udo Wachtveitl zwischen „Tatort“-Dreh und einem Schubert-Abend mit dem Sänger Benjamin Appl und dem Münchner Rundfunkorchester über Musik, Biographien und das eigene musikalische Empfinden.

Herr Wachtveitl, können Sie sich noch erinnern, was das Erste von Schubert war, das Sie kennenlernten und mit diesem Namen in Verbindung bringen?

Wahrscheinlich war es der „Erlkönig“. Allerdings bin ich mir da nicht so sicher. Ich hatte keinen systematischen Zugang zur klassischen Musik. Ich komme nicht aus dem, was man einen „bildungsbürgerlichen Haushalt“ nennt. Es gab keine an klassischen Vorbildern orientierte Schulung, keine Einführung in die Klassische Musik.

 

Ist Ihnen Schubert durch die Arbeit an dieser Hörbiographie nähergekommen?

Als ich einer Bekannten erzählte, ich würde jetzt eine Hörbiographie über Franz Schubert machen, antwortete sie: „Die arme Sau!“ Ich hatte mich vorher mit seiner Biographie, seiner Vita nicht so beschäftigt. Und tatsächlich kann einem das ja so vorkommen, wenn man die Eckdaten liest: er war krank, er ist früh gestorben, er war ein kleiner, unscheinbarer Typ. Aber ich glaube, in unserer Hörbiografie kommt auch zum Tragen, dass er doch recht gern gelebt hat. Dieses Bild, dass er immer nur verschüchtert war, bedarf doch der Korrektur.

 

Nun ist mit der Produktion dieser Hörbücher ja nicht nur das Eintauchen in eine ungeheure Vielfalt an Musik verbunden.  Zugleich begegnen Sie mit den Biographien etwa Beethovens, Schuberts oder Wagners auch Persönlichkeiten, die ja nicht nur von ihrem Beruf geprägt wurden. Welchem Komponisten wären Sie gern persönlich begegnet? Und wenn Sie Gelegenheit hätten, mit ihm zu sprechen – wonach würde Sie ihn fragen?

Da wir uns ja nicht nur mit der Musik beschäftigt, sondern anhand der Lebensgeschichte auch viel Zeitgeschichte beleuchtet haben, ist es vielleicht doch Richard Wagner. Der war bei der 1848er Revolution in Dresden dabei, ein wichtiges Jahr für uns Deutsche. Über seine Musik würde ich mich wahrscheinlich gar nicht soviel unterhalten, die spricht für sich selbst. Dazu bin ich auch zu wenig musikwissenschaftlich kundig. Zwar bin ich jedes Jahr in Bayreuth, aber doch mehr als Rezipient, als jemand, der diesen Strom von gewaltiger Musik über sich ergießen lässt. Aber so ein Zeitzeuge aus dieser aufregenden Zeit im Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts... Er ist später leider Antisemit geworden, und auch da gäbe es einiges heftig zu besprechen.  Also, wenn ich mich für einen entscheiden müsste, wäre es Wagner!

Neben dem „Tatort“ haben auch die Hörbiografien von BR-KLASSIK ein kleines Jubiläum, und Sie waren von Anfang an jedes Jahr als Erzähler mit dabei – (obwohl die Aufnahmen wegen der Dreharbeiten nicht immer leicht zu terminieren waren.) Was reizt Sie an dieser Serie? Gibt es eigentlich auch einen musikalischen Zweig in der Biografie des Schauspielers Udo Wachtveitl?

Ich hatte am Gymnasium einen normalen Musikunterricht. Aber damals hat man, den Zeitläuften entsprechend, auch versucht, uns Jugendlichen den „Freischütz“ näherzubringen, aber eben auch die wichtige Schiene der Popmusik – auch Jimi Hendrix kam bei uns vor. Ich habe Tonleitern gelernt und auch ein bisschen Musiktheorie. Insofern sind die Hörbiografien eine schöne Form des Nachholunterrichts für mich.