Eine Umarmung für die heutige Zeit

Ihrem neuen Album hat die Pianistin Sophie Pacini den Titel „Rimembranza“ gegeben. Mit einem Programm aus Werken von Mozart, Schubert, Liszt und Morricone lädt sie den Hörer ein, ihr in eine Welt persönlicher Gedanken und Erinnerungen zu folgen. Zur Zeit ist die Künstlerin deutschlandweit unterwegs, um ihr Album vorzustellen. Nach einem Konzert in Berlin nahm sie sich Zeit für ein Gespräch mit dem Musikjournalisten Thomas Otto, der mehr als „Drei Fragen...“ hatte.  

Musik sei ohne Erinnerung nicht möglich, sagten Sie kürzlich in einem Interview. Nun sind Erinnerungen immer etwas sehr Persönliches – wie viel geben Sie auf Ihrem neuen Album „Rimembranza“ von sich selbst preis? 

Während meiner Ausbildung an der Hochschule habe oft zu hören bekommen, man braucht immer eine Distanz, man dürfe nicht alles preisgeben, wichtig sei die Demut vor dem Komponisten und seinem Werk. Irgendwann aber habe ich gemerkt, was es bedeutet, wenn man es zulässt, sich in die Karten schauen zu lassen, sich zu öffnen. Dass das für mich selbst eine Rückgewinnung von Energie ist und dass man gleichzeitig sein Publikum auf eine ganz andere Weise erreicht. Natürlich ist das ein Risiko, weil du dich als Künstler total gläsern machst. Es gehört auch Mut dazu, sich als Künstler mit einer Meinung und einer Wahrheit zu präsentieren. Den Komponisten kann ich nicht mehr fragen, aber ich kann in dem Werk forschen und meine Schlüsse ziehen, eine Haltung annehmen und vertreten. Das ist es ja schließlich auch, wofür wir die Komponisten feiern, dass sie ihre künstlerische Meinung verwirklicht haben, ihren Idealismus. Für mich bedeutet Demut vor der Kunst, dem Werk, dem Komponisten auch, dass ich alles von mir gebe, mich ihm komplett widme, mit Respekt und gleichzeitig rückhaltlos.  

 

Zu den „Erinnerungen“, die wir an die großen Komponisten haben, gehören auch ihre Tagebücher und Briefe. Jener etwa, den Franz Schubert im März 1824 an den Freund und Maler Leopold Kupelwieser richtete.  Darin beschreibt er sich als den ... „unglücklichsten, elendsten Menschen der Welt“. Welche Rolle spielen solche Dokumente für Sie? Begleiten sie Ihre Auseinandersetzung mit dem musikalischen Werk? Beeinflussen sie Ihr Spiel oder trennen Sie sich beim Musizieren davon?  

Tatsächlich sehe ich mir zuerst den Notentext an und grabe in mir: Was verstehe ich aus diesem Notentext? Was ruft diese Tonart in mir hervor, welche Erinnerungen kommen mir dazu? Wie fühlt sie sich an? Ich arbeite anhand der Partitur an dem Stück. Beim Üben kommen mir Intertextualitäten in den Sinn. Manchmal sind das Zitate die ich gelesen habe, oder ein Buch, oder Gemälde, die ich gesehen, Musik, die ich gespielt habe. Zum Beispiel erinnert mich die a-Moll–Sonate von Schubert immer an die 7. Sinfonie von Beethoven. Vielleicht durch ihre Punktierungen, dieses Unerbittliche, Fortschreitende im ersten Satz. Franz Liszt hat ja eine Transkription aller Sinfonien für Klavier angefertigt. Ich hatte sogar den Gedanken, die Schubert-Sonate und die Transkription der Siebenten von Beethoven aufzunehmen, um zu zeigen, wie gut beide Stücke zusammenpassen. Oder der zweite Satz der Mozart-Sonate in a-Moll -  er erinnerte mich an die 12 Variationen „Ah, vous dirai-je Maman“.  Die sind vom Köchelverzeichnis eigentlich viel niedriger. Dennoch wurden sie nach der a-Moll-Sonate komponiert. Und tatsächlich ist die langsame Variation ein Zitat aus dem 2. Satz  der Sonate, die nach dem Tod seiner Mutter in Paris komponiert wurde. Es ist wie ein Erinnern, ein Handaustrecken nach der Mutter. Das ist wie ein Karussell, bei dem sich alle die Hand geben – man entdeckt, dass es immer einen roten Faden gibt. Bei mir am Flügel steht ein großes Buch über meinen Lieblingsmaler Caravaggio, ich hatte das in Rom gekauft und beim Rückflug dafür Übergepäck bezahlt (lacht). Daneben steht ein Buch über Kandinsky. Und ab und zu blättre ich während der Pausen beim Üben in diesen Büchern und das hat etwas Harmonisches, Warmes für mich.

 

In den Mittelpunkt Ihres Albums stellen Sie Schuberts Sonate in a-Moll D 784 und Mozarts Sonate  K. 310, ebenfalls in a-Moll. Das sind Werke, mit denen Sie Gedanken an den Schmerz, die Vergänglichkeit, den Tod verbinden. „Rimembranza“ könnte doch auch freudige Erlebnisse, Begegnungen, Erfahrungen behandeln: der wichtigste Mensch, ein unvergesslicher Gedanke, die erste Liebe, der schönste Erfolg...

Ja und vielleicht ist es nur mein Eindruck, aber in allen Werken, die ich bisher gespielt habe, gibt es dieses Aufarbeiten von schwierigen Momenten, um die freudvollen Momente wieder wahrnehmen zu können. Dahinter steckt die Frage: würden wir wirklich ein Werk schreiben, wenn wir über irgendetwas glücklich sind? Bei der ersten großen Liebe sind wir für eine gewisse Zeit davon erfüllt. Aber eine Situation, an der du wachsen musst, die beschäftigt dich die ganze Zeit. Wie heißt es so schön? „Not macht erfinderisch“. Aber tatsächlich, um dir selber einen Leitfaden zu geben, schreibst du etwas nieder, komponierst etwas, improvisierst am Klavier. Meist aus melancholischen Momenten heraus erinnerst du dich innerhalb dieser Phase an die freudvollen Momente. Ich finde das besonders bei Schuberts Impromptu Nr. 3, dem zweiten auf meinem Album, deutlich hörbar. Am Anfang dieses flirrenden Läufe und dann kommt dieser Mittelteil, der noch mal erinnert, warum alles losgelöst und leicht erscheint. Man erinnert sich natürlich meist an die positiven Dinge, das ist wohl auch ein Schutzmechanismus,  aber geprägt haben uns die Momente des Wachsens, des Leidens, des Überstehens, des Weitergehens. Und die nehmen für mich den größeren Teil ein.

 

Auf Ihrem Album spannen Sie inhaltliche Bögen: die Klaviervariationen  „Ah, vous dirai-je Maman“ etwa als eine Art Keimzelle zur a–Moll-Sonate. Schuberts Impromptus op. 90/2 und 90/3 setzen Sie ins Verhältnis zur a-Moll Sonate D 784. Welchen Platz nimmt in dieser Disposition das „Tema d‘amore“ aus dem Film „Cinema Paradiso“ von Ennio Morricone und seinem Sohnes Andrea ein?

Es steht nicht umsonst am Ende des Albums, als eine Art Bonustrack. Und es ist eine Rimembranza meines eigenen Lebens: ich sah diesen Film das erste Mal, als ich acht Jahre alt war. Da gibt es diese Schlüsselszene, in der einst jugendliche Protagonist in seinen Heimatort zurückkehrt, als inzwischen berühmter Regisseur. In dem Zimmer, in dem er als Kind aufwuchs, kommen seine ganzen Erinnerungen an früher zurück, an das alte Kino, am den inzwischen verstorbenen Filmvorführer Alfredo. Und er schneidet aus den Kopien unzähliger alter filme einen Streifen zusammen, der nur aus Küssen besteht. Also alle Rimembranzen aus seiner Jugend werden an einem Faden abgewickelt. Darunter dieses Thema, mit dem Morricone es schafft, etwas sehr echtes zu produzieren, das zugleich so bescheiden und deshalb so wahrhaftig daherkommt. Ein Beispiel dafür, Erinnerungen aus der Vergangenheit, die sehr stark in mir verhaftet sind zu zeigen, um eben aus der Vergangenheit den Mut zu schöpfen, für das, was vor einem liegt. Und bei Morricone gibt es zu jeder Melodie eine Geschichte. Für mich ist dieses Stück am Endes des Albums so eine Art Vereinfachung, ein leiser Ausblick, eine Umarmung für die heutige Zeit.