Im Gespräch mit dem Tenorsänger Jonas Kaufmann

Beim Singen bekam ich eine Gänsehaut.

Drei Fragen an den Tenor Jonas Kaufmann

Die Zeiten, in denen für die Aufnahme einer großen Oper ein Tonstudio angemietet wurde, sind eigentlich lange vorbei. Heute werden meist Live-Mitschnitte für die CD-Produktion verwendet. Bei Sony Classical jedoch erscheint Giuseppe Verdis spätes, hochdramatisches Meisterwerk "Otello" mit Jonas Kaufmann in der Titelpartie jetzt in einer aufwändig produzierten Studioaufnahme. Anlass für den Musikjournalisten Thomas Otto, den Sänger Jonas Kaufmann, der sich selbst als „Bühnentier“ sieht, nach seinem Verhältnis zu dieser Rolle und seinen Erfahrungen mit einer Studioproduktion zu befragen, bei dem „nur“ gesungen wird.

 

Herr Kaufmann, Verdis Operndrama über die verstörende Wirkung von Misstrauen, Zweifel und Eifersucht, die schließlich zu dem verhängnisvollen Irrtum mit tragischen Folgen führt, gehört nicht von ungefähr zum Ergreifendsten und zugleich Meistgespielten der Opernliteratur. Es ist gerade mal drei Jahre her, dass Sie diese Rolle erstmals am Royal Opera House in London gesungen haben. Seither jedoch sind Sie auf den verschiedensten Bühnen als „Otello“ aufgetreten. Ändert sich die Auffassung zur Rolle im Laufe der Aufführungen? Der schwierige Notentext mit den hohen stimmlichen Anforderungen bleibt ja immer der gleiche – wie war das Bild, das Sie von dieser Rolle haben, als Sie ins Studio gingen?

Auf der Bühne habe ich "Otello" bislang in zwei Produktionen gesungen: zuerst in der Londoner Inszenierung von Keith Warner mit Antonio Pappano am Pult (das war mein Rollendebüt im Juni 2017) und dann in der Münchner Inszenierung von Amelie Niermeyer, die Kirill Petrenko dirigierte. Und natürlich hat sich im Laufe der Proben und Aufführungen einiges verändert, nicht nur durch die unterschiedlichen Regisseure, Dirigenten und Kollegen, sondern auch durch meine Erfahrungen in dieser Rolle, die als „mount everest“ unter den Tenorrollen des italienischen Repertoires gilt. Bis zu meinem Rollendebüt war es ein langer Weg. Schon 2001, als ich in Chicago neben Ben Heppner und Renée Fleming die kleinere Tenorpartie in „Otello“, den Cassio sang, habe ich mir vorgestellt, wie es sein muss, eines Tages die Titelrolle zu singen. Als ich dann viele Jahre später für mein Verdi-Album zwei Szenen aus „Otello“ aufnahm, hat mich die Musik derart gepackt, dass ich beim Singen eine Gänsehaut bekam. Diese Farben, dieses Feuer, diese Leidenschaft, das alles hat einen unglaublichen Sog; es ist aber auch eine Feuerprobe für das oft zitierte Karajan-Wort von der „kontrollierten Ekstase“. Insofern war mein Rollen-Debüt 2017 eine der größten Herausforderungen in meiner Laufbahn. Als ich die Oper dann zwei Jahre später im Studio aufnahm war ich natürlich schon erfahrener und auch gelassener – zumal es ja nicht live war.

 

Es ist heutzutage selten, dass Opern noch im Studio produziert werden. Für Sie als Sänger und Darsteller ist die Oper ja immer mit großer Bühne verbunden, mit Kostüm und Maske, mit großen Gesten, langen Wegen, Interaktion mit den anderen Künstlern. Wie groß ist die Umstellung für Sie, wenn Sie, wie in diesem Fall, im Studio singen, fixiert auf das Mikrofon? Ist es schwerer, sich in die Rolle „hineinzufühlen“, sie vor dem Mikrofon auszuleben? Oder ist es befreiender, sich zum Beispiel auf den Notentext konzentrieren zu können?  

Für ein „Bühnentier“ wie mich sind Studio-Aufnahmen gar nicht so einfach. Bei meinen allerersten Platten-Aufnahmen dachte ich: Oh Gott, setzt doch ein paar Leute ins Studio, die ich „ansingen“ kann! Man sendet und sendet und scheint keinen Empfänger zu haben, außer das überkritische Mikrophon, das jede Kleinigkeit registriert und für alle Zeiten speichert. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, mir in dieser Situation zu helfen. Inzwischen haben wir auch meist Zuhörer im Studio, das macht es viel einfacher. Wenn aber ein Kraftpaket wie Tony Pappano am Pult steht, ist es für mich fast wie eine Aufführung. Denn Tony hat die Gabe und die Energie, in kürzester Zeit im Studio die Atmosphäre und Spannung einer Aufführung zu schaffen. Das ist etwas, wofür ich ihm gar nicht genug danken kann.    

 

Sie singen auf den verschiedensten Opernbühnen der Welt, unter unterschiedlichsten Dirigenten. Ihre erfolgreiche Zusammenarbeit mit Antonio Pappano wird durch Produktionen wie „Manon Lescaut“, „Don Carlo“, den „Otello“ von 2017 am Royal Opera House oder das Puccini-Album „Nessun Dorma“ dokumentiert. Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit ihm beschreiben? Was unterscheidet ihn von anderen Dirigenten?

Bei ihm fühlt man sich so sicher aufgehoben, wie man es sich als Sänger nur wünschen kann. Sein Vater war Gesangslehrer, er ist mit Oper und Sängern aufgewachsen, kennt das Repertoire seit Kindesbeinen in- und auswendig, atmet mit, unterstützt einen ungeheuer. Er ist ein echter Theaterdirigent, es geht ihm immer um das Werk, und nicht darum zu zeigen, was er mit dem Orchester alles machen kann. Ich verdanke ihm ungeheuer viel, nicht nur an Einsichten beim Studium meiner Partien, sondern auch an Glücksmomenten auf der Bühne. Unsere gemeinsamen Aufnahmen und Aufführungen gehören zum Schönsten, was ich erlebt habe. Und es gibt nie Stress bei ihm, es läuft alles total entspannt, auch wenn er einen sehr dichten Zeitplan hat. Ein ganz großer Musiker und ein wunderbarer Freund!