Von der Magie des Loslassens

Mit vier Jahren begann Raphaela Gromes das Cellospiel, mit 14 spielte sie ihr erstes eigenes Konzert. Inzwischen deckt ihr Repertoire so ziemlich alles ab, was die Cello-Literatur zu bieten hat: von den großen Cellokonzerten, etwa von Haydn, Schumann, über Kammermusik, die sie seit langem mit dem Pianisten Julian Riem spielt, bis hin zu den eigens für sie komponierten Konzerten. Der Musikjournalist Thomas Otto traf Raphaela Gromes in Berlin, wo sie ihr neues Album, das mittlerweile fünfte bei Sony Classical, vorstellte:  Cellomusik der Romantik von Julius Klengel, Robert Schumann, Clara Wieck-Schumann, Richard Strauss und Johannes Brahms.

Die Vorbereitungen Ihrer CD-Projekte werden immer von Entdeckerfreuden begleitet. Denken wir nur an die  als verschollen geglaubte Fantasie »Hommage à Rossini« für Cello und Orchester von Jacques Offenbach, die Sie in einem italienischen Archiv gefunden und auf Ihrem „Offenbach“-Album als Ersteinspielung vorgelegt hatten. Auch auf Ihrem aktuellen Album präsentieren Sie eine Weltersteinspielung: das 3. Cellokonzert von Julius Klengel. Selbst ein herausragender Cellist und vor allem Cellolehrer, komponierte Klengel neben zahlreichen Arbeiten für sein Instrument insgesamt vier Konzerte für Cello. Ihre Wahl  fiel auf das Dritte – was gab den Ausschlag?

Als Cellistin kenne ich Julius Klengel schon sehr lange, durch die täglichen Übungen für Cello, die er uns geschrieben hat, durch seine kleinen Concertini, die wohl jeder  Schüler auf dem Pult hatte. Ich habe auch sein Doppelkonzert schon gespielt und natürlich den „Hymnus für 12 Celli“, der mich sehr berührt hat. Für das neue Album stand fest, dass das Schumann-Konzert dabei sollte. Ich habe es schon sehr oft gespielt und inzwischen einen ganz eigenen Zugang gefunden. Nun suchte ich ein Stück aus der deutschen Romantik, das zu Schumann passte. Natürlich kam ich auch auf Julius Klengel und habe versucht, die Noten seiner vier Cellokonzerte zu bekommen - für das zweite und dritte war das durchaus schwierig. Schließlich konnte ich aber die Cellostimme und den Klavierauszug für beide Konzerte auftreiben. Julian Riem und ich haben dann gemeinsam mit Wen-Sinn Yang, meinem ehemaligen Lehrer, alle vier Konzerte durchgearbeitet. Und irgendwie hat mich dieses dritte Konzert von Anfang an besonders fasziniert. Schon dieser Einstieg hat so etwas Großes, Feuriges: „Hier bin ich!“ Es ist auch sehr viel von Schumann darin, diese sehnsüchtigen, schwelgenden Melodien. Und es hat sehr viel Witz und Humor, etwa im zweiten Satz – das erinnert manchmal an Brahms. Und vor allem die Kadenz – sie ist wirklich in die Hände eines Cellisten komponiert. Unglaublich, wie er all die Motive darin verarbeitet. Das hat mich einfach fasziniert. Und dann natürlich diese Virtuosität im letzten Satz, dieses Mitreißende. Und auch das hat er mit Schumann gemeinsam: von einem schwermütigen, melancholisch, sehnsüchtigem a-Moll  zu Beginn wechselt er in ein strahlendes A-Dur am Schluss. Mir haben diese Parallelen so gut gefallen. Julius Klengel, der soviel von Mendelssohn, Brahms und Wagner adaptiert, aber dennoch seine ganz eigene Sprache gefunden  hat – ich fand, dass dieses Stück an die Öffentlichkeit gehört. 

 

In dem Pianisten Julian Riem haben Sie einen langjährigen Kammermusikpartner – auch für die aktuelle CD haben Sie gemeinsame Stücke ausgewählt....

Wir arbeiten seit acht Jahren zusammen und haben sehr früh gemerkt, dass wir eine gemeinsame musikalische Wellenlänge haben. Jeder hat ja seinen subjektiven Zugang zur Musik und natürlich seinen eigenen Geschmack. Aber der ist bei uns sehr ähnlich. Zusätzlich ist Julian Riem ein phantastischer Pianist. Was  mich an seinem Klavierspiel so fasziniert, ist seine Farbigkeit, sein wirklich orchestraler Klang. Man hört die Blasinstrumente, man hört die Streicher heraus. Alles ist unglaublich transparent. Ich lerne in jeder gemeinsamen Probe etwas. Er hat einen unglaublichen Überblick über Partituren. Dadurch, dass er schon mit sehr vielen Cellisten  gearbeitet hat, ist ihm das ganze Cellorepertoire vertraut. Außerdem   arrangiert er selbst. Es ist der sprichwörtliche „gemeinsame Atem“ -ihm kann ich hundertprozentig vertrauen, weil ich spüre, wie er mitgeht.

 

Vom Erarbeiten bis hin zum Konzert durchläuft  der Prozess  der Aneignung eines Musikstückes ja verschiedene Phasen,  die sicher schwerpunktmäßig von der Bewältigung technischer Abläufe geprägt sind. Sie sprachen mal von dem „Fluss des freien Musizierens“  - wann tritt dieser Moment ein, an dem Sie „loslassen“?  Geschieht das erst beim Konzert? Wie würden Sie ihn beschreiben?

Das geschieht natürlich auch schon in Probensituationen, während ich ein Stück übe, allein oder dann mit dem Klavier oder dem Orchester. Da gibt es diese Momente, in denen man plötzlich ganz ergriffen ist und denkt: „Das wars!“ Dann weiß man, jetzt hat man die richtige musikalische Aussage getroffen. Aber das kann man nicht herstellen, weder in den Proben, noch beim Konzert. Man kann es nicht erzwingen - es geschieht. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man das Stück bis ins Detail beherrscht, die Melodiebögen, die Phrasen und die Harmonien erkannt und entschlüsselt hat. Dazu gehört auch,  dass man sich Gedanken über das Stück, über die Interpretation gemacht hat. Das Musizieren passiert ja immer in diesem Spannungsfeld von Kontrolle und Loslassen. Auch wenn man das Stück auswendig spielt – wieviel traut man sich? Nicht nur von dem Gedanken an das Gelernte beherrscht zu sein, sondern das Stück auch einfach  „fließen“ zu lassen. Aber wenn man es dann wagt, dieses „Loslassen“, dann entsteht diese Magie, dieses völlige Eintauchen in die Musik. Dann hat man das Gefühl, dass einen die Musik durchfließt. Und das ist wunderschön.