Wie ein kleines Privatkonzert im Hause Bach

Auf ihrem neuen Album „Dialoge“ trifft Blockflötistin Dorothee Oberlinger erstmals auf den Lautenisten Edin Karamazov. Gemeinsam begeben sich die beiden auf eine Reise durch den Kosmos der Kammermusik von Johann Sebastian Bach. Dorothee Oberlinger antwortet auf Fragen des Musikjournalisten Thomas Otto zur Arbeit am neuen Album.

Frau Oberlinger, das neue Album „J.S. Bach –Dialoge“, die Sie gemeinsam mit dem Lautenisten Edin Karamazov aufgenommen haben, berührt bei aller Vielseitigkeit und Virtuosität zugleich durch seinen sehr persönlichen Charakter. Der wiederum beruht wesentlich auf dem Miteinander zweier, wie Sie es beschrieben haben, so „nobler intimer Instrumente der barocken Kammermusik“, der Blockflöte und Laute - man spürt das sprichwörtliche „gemeinsame Atmen“. Wie kam die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Edin Karamazov zustande und auf welcher Grundlage fand das gemeinsame Musizieren statt?

Den ersten Kontakt stellte ein gemeinsamer Freund, der Countertenor Andreas Scholl her, mit dem wir beide spielen. Er richtete mir aus, dass Edin eine Idee für ein gemeinsames Projekt hätte und mich gerne kontaktieren würde. Dann haben wir uns in Salzburg zum ersten Mal getroffen, einen ganzen Tag nur Bach gespielt und eine erste Auswahl getroffen. Das nächste Mal haben wir uns gleich im Tonstudio von Andreas Scholl getroffen und eine Sonate gemeinsam aufgenommen. So ging es los. In unserer Arbeit probieren wir feinste Timing-Nuancen und die Rhetorik, also der Umgang mit musikalischen Figuren, Phrasen, Interpunktion, etc.  - immer in Verbindung mit den Spannungsverläufen und Impulsen der Harmonie. Es geht aber auch um die Frage des angemessenen Tempos, z.B. für die Tanzsätze.
 

 

Von Bach selbst sind keine Originalkompositionen für die Besetzung Blockflöte & Laute überliefert. Es war hingegen auch im 18. Jahrhundert schon übliche Praxis – nicht nur bei Bach - vorhandene Werke zu bearbeiten, sie auch für andere Instrumente spielbar zu machen. Dieser Praxis sind auch Sie auf diesem Album gefolgt.  Der Bogen des Programms reicht von der Solokomposition ohne Generalbass über die Sonate mit Generalbassbegleitung bis hin zu Bearbeitungen einer Cellosuite, eines Concertos und eines Choralvorspiels. Hier haben Sie sich zum Beispiel für das das Vorspiel zu „Nun komm der Heiden Heiland“ (BWV 659) entschieden, eigentlich ein Orgelstück - nach welchen Kriterien haben Sie und Edin Karamazov die Stücke für das Album und die Art ihrer Bearbeitung ausgewählt?
 

Wir haben versucht, eine große Bandbreite der vielfältigen Formen zu bieten, die in Bachs Kammermusik vorkommen. Bewusst haben wir mit einem kontemplativen und kunstvoll kontrapunktisch verflochtenen Choralvorspiel begonnen - sozusagen, bevor sich der „Vorhang hebt“.

Es folgt auch eine große stilistische Bandbreite.  Die zwei Continuosonaten des Albums z.B. sind in sehr unterschiedlichem Stil komponiert. Die frühere Sonate BWV 1035 mit den anspruchsvollen kontrapunktischen schnellen Sätzen steht BWV 1035 gegenüber - mit auskomponierten galanten Verzierungen als eine Art „Hommage“ an den Berliner Stil (auch ganz spät entstanden). 

Nicht nur BWV 1035 gewährt uns einen Blick in die Verzierungsküche Bachs, auch z.B. der langsame Satz des Marcello Oboenkonzerts, den Bach kunstvoll ausziert - ganz wichtige Zeugnisse für uns heutzutage! 

Keines der Werke ist ein Originalwerk für unsere Besetzung. Bach hat selber sehr viele seiner eigenen Werke für andere Instrumentierungen umgearbeitet, dabei Tonarten und sogar Tempovorschriften verändert. Wir sind hier ähnlich vorgegangen. Edin spielt z.B. eine eigene Bearbeitung für Laute solo des Preludes der 1. Cellosuite. Das Schwelgen in Akkordbrechungen funktioniert auch sehr gut auf der Laute - es klingt so, als wäre es so gedacht!

 

Im Rahmen Ihrer „Musikfestspiele Potsdam Sanssouci“ gibt es ein Konzert mit dem Titel „Alle meine Flöten! - Ein musikalischer Blick in meinen Flötenschrank“. Verbunden mit allen Bearbeitungen für die Flöte auf diesem Album waren Tonartwechsel. Beispielsweise erklingt die Allemande aus der Solo Sonate BWV 1013, die Bach für die Traversflöte in der Tonart a-Mollkomponiert hatte, in der Bearbeitung für Blockflöte in c-Moll, also eine kleine Terz höher. Stand bei der Entscheidung für die Tonarten der unterschiedliche Tonumfang Ihrer verschiedenen Flöten im Vordergrund?

Der Tonumfang - zumindest in der Traversflötenmusik - ist nicht das Problem, es sind alle Töne auch im Tonvorrat der Blockflöte vorhanden. Bei der Tastenmusik sieht es etwas anders aus, da muss ab und zu mal ein Register umgelegt werden. 

Man könnte alle Flötensonaten ohne Weiteres auch in den Originaltonarten auf einer tieferen Blockflöte spielen. Aber zum einen sind manche der Original-Tonarten für die Laute nicht so geeignet. Zum anderen finde ich, dass ein höheres Instrument, also meist die Altblockflöte, ab und an die bessere Wahl ist, weil sie in den schnellen Sätzen etwas agiler ist. Die Sopranblockflöte hat mir für das italienische Oboen-Konzert gut gefallen - hier kommt mehr venezianisches Flair auf und Edin stellt auf seiner Laute ein ganzes Orchester dar. Die Lauten-Suite (oder Suite für Lauten-Clavier) ganz am Ende der Aufnahme klingt auf der Laute in c-Moll besonders gut - dafür habe ich eine spezielle Blockflöte in es verwendet!

 

Im Booklet beschreiben Sie den Besuch des damals berühmten Lautenisten Silvius Leopold Weiss im Hause Johann Sebastian Bachs im August 1739 – nicht zuletzt zum gemeinsamen Musizieren. Da sei „etwas extra feines von Music“ geboten worden. Wenn man so will, eine Art Hausmusik und „musikalisches Gipfeltreffen “ zugleich. Das auch Sie zum Konzept dieses Albums inspiriert hat? Welche Instrumente kämen für Sie bei weiteren Projekten dieser Art noch in Frage, unabhängig davon, ob es entsprechende Literatur dafür gibt?
 

Es ist schon eine schöne Vorstellung, sich sozusagen zu einem kleinen Privatkonzert ins Haus Bachs zu „beamen“. Es ist ohnehin unglaublich, wie früh Bach seine Kinder ans Komponieren gebracht hat - da schrieben sie zu seinen kunstvollen Oberstimmen noch blutjung Generalbässe als Übung - und haben das sicher gemeinsam ausprobiert und musiziert. Und dann kamen eben Meister ihres Faches auf einen Abstecher vorbei wie z.B. Weiß an der Laute. Das hätte ich zu gerne erlebt.

Ein anderes Projekt dieser Art? Zum Beispiel möchte ich gerne die Orgeltriosonaten vielfältig bearbeiten. Man kann sie als Triosonate mit anderen Instrumenten (z.B. mit Oboe oder Violine) spielen, als Sonate mit obligatem Instrument oder eben ganz alleine auf der Orgel. 

Ich glaube, der Kosmos der Möglichkeiten ist riesengroß, ein Füllhorn für uns alle - und man wird es nie leid, im Gegenteil. Nach einem Bach-Abend (hörend oder spielend) bin ich komplett erfrischt - im Kopf und im Herz!